kirsten plötz: rückblicke

DissertationsfeierAm Abend nach der letzten Prüfung für meinen Dr. phil. (Geschichte) im November 2002: So erleichtert wie erschöpft freue ich mich mit meiner Mutter bei einer Feier. Vormittags hatte ich meine Doktorarbeit über unverheiratete Frauen in der frühen Bundesrepublik - von Gesetzen über Spielfilme bis hin zu Erfahrungen und Deutungen der Frauen selbst - "verteidigt" und die Note magna cum laude (sehr gut) erhalten. Meinem "Doktorvater", Prof. Alf Lüdtke, verdanke ich Vieles; nicht zuletzt die Aufmerksamkeit für Alltagsgeschichte, also unter anderem dafür, wie Menschen die Verhältnisse, Ereignisse, Angebote und auch Zumutungen beeinflussten, wahrnahmen und nutzten.

Da meine Mutter das Kind einer Kriegerwitwe war, hatte sie erlebt, wie in der frühen Bundesrepublik die "Normalfamilie" gefördert und "unvollständige" Familien an den Rand gedrängt wurden. Während ich über die Doktorarbeit nachdachte bzw. daran schrieb, diskutierte ich mit meiner Mutter oft über meine Thesen und Schlussfolgerungen. In diesen Gesprächen erinnerte sie sich an viele Einzelheiten, die mein Verständnis der ersten bundesdeutschen Nachkriegsjahrzehnte vertieften. So war meine Mutter mit dieser Doktorarbeit eng verbunden und feierte auch die Veröffentlichung im Frühjahr 2005 mit. Leider litt sie zu diesem Zeitpunkt schon an einem besonders aggressiven Krebs. Sie starb fünf Monate nach der Diagnose - viel zu früh, im Alter von 63 Jahren. Ihr Sterben und ihren Tod zu begleiten, hat mich tief bewegt. Ich vermisse sie sehr.